Dampfende Evolution im Schwimmbecken

Es ist ein Beziehungsbiotop, das heimische Thermenbad. Hier treffen Frischverliebte auf Beziehungssanierer, Familien, Frauenrunden und Spanner. Zeit, diesem Phänomen auf den Grund zu gehen.

Erschienen am 18.05.2015 auf NZZ.at. llustration: Lilly Panholzer.

Liebe in Österreich riecht nach Chlor. Sie schmatzt wie Badeschlapfen und klingt nach Flötenmusik. Liebe in Österreich geht früher oder später durch die Therme. Nirgendwo anders ist die Pärchendichte so hoch wie in den heimischen Wohlfühl-Tempeln der Pampa. Bei tropischen Temperaturen werden in Unisex-Bademänteln Beziehungen saniert. Es wird geflirtet, gespannt und gegrapscht. Es ist der Lebensraum für fünf Typen, die zusammen die Lebensphase einer typisch österreichischen Mittelschichtsbeziehung nachzeichnen. Schließlich fühlt sich das 30-Euro-Tagesticket ein bisschen wie Luxus an. Begegnungen in der Thermenlandschaft.

Am auffälligsten sind die Frischverknallten. Sie befinden sich im Anfangsstadium, in Phase eins ihrer Beziehung: Sie können die Finger nicht voneinander lassen. Sie gönnen sich ein von der Wellness-Hotellerie beworbenes „Romantik-Wochenende“ zu zweit, wo im Hotelzimmer der gekühlte Sekt sowie das Herz aus Rosenblüten wartet und die übergroßen gefüllten Badetaschen im Pauschalpreis inbegriffen sind.

 Sie wollen füreinander Zeit haben. Oder, im Klartext: kein schlechtes Gewissen gegenüber den Freundinnen und Kumpels haben, die sie seit ihrem Kennenlernen nicht mehr gesehen haben („Ich bin schon verabredet“). Hemmungslose Zweisamkeit ist ihr Credo.

Motto: „Uns kennt ja eh niemand“

Während der beiden Tage verschmelzen sie ab dem Begrüßungs-Erfrischungsgetränk. Sie basteln sich aus Decken und Handtüchern ein Liebesnest. Besonders auffällig ist das Fortbewegungsverhalten im Wasser: Die weibliche Spezies verliert meist ihr Schwimm- und Gehvermögen und muss vom Partner herumgetragen werden („Du bist so leicht!“). Sie sind bademodisch am besten gestylt. Aufseiten der Frau ist das ein Bikini, dessen Höschen an der Hüfte von Bändern zusammengehalten wird. Beim Mann passen Badeshorts und Sonnenbrille zusammen.

Wie die Mücken zum Licht zieht es die Frischverliebten gegen Abend an die Ränder des beheizten Außenbeckens. Auch sonst wird jeder unbeobachtete Winkel genutzt, um sich anzunähern.

Eine Unterkategorie hier sind Teenager. Sie können sich nur die Tagestickets leisten. Zur eigenen Wohnung dauert es noch ein wenig und so cool kommt es nicht, wenn man im Kinderzimmer herumknutschen will, während die Eltern in der Küche sitzen. Für die Kids ist die Therme ein Eldorado ungeahnter Möglichkeiten.

Besonders genervt von den Verliebten sind die Beziehungssanierer – Thermentypus zwei. Sie sind über die Anfangsphase der Frischverliebten hinweg. Die Luft ist ein bisschen draußen.

Die Beziehung kriselt manchmal schon seit längerem. Sie wird im Dampfbad reanimiert. Nur: Beziehungsalltag zu Beziehungsurlaub verhält sich wie Wasser zu Sirup – was in gewisser Dosis noch leicht und lecker schmeckt, kann in konzentrierter Version Übelkeit auslösen.

Motto: „Endlich wieder Zeit füreinander haben“

Sie berühren einander kaum, liegen in getrennten Sesseln, sitzen nebeneinander bei den Sprudeldüsen. Ihr Gesprächsstoff beschränkt sich auf das Essen („So viele Müslisorten!“) und das romantische Candle-Light-Dinner finden sie gar nicht mehr so romantisch wie beim ersten Thermenbesuch. Deshalb wird geschwiegen. Fluchtmöglichkeiten aus der selbstverordneten Zweisamkeit: SMS-Botschaften an Freunde senden, Fotos auf Facebook posten („Lecker Sektfrühstück“), ein eigenes Sportprogramm oder Magazine wie Autorevue, Gala oder Geo aus dem sündteuren Thermenshop besorgen. Positiver Nebeneffekt: In dieser Phase hat frau wieder das Laufen und Schwimmen im Wasser gelernt und bewegt sich ohne Zutun des Partners.

Ein Thermenaufenthalt ist für die Beziehungssanierer vielleicht der Anfang vom Ende ihrer Zweisamkeit. Auf alle Fälle kommen sie wieder. Getrennt oder gemeinsam.

Möglicherweise gehören die Sanierer aber irgendwann zum lautesten Besuchertypus: zur Familie. Das Kinderkreischen ist das Meerrauschen der Thermenbäder.

Arbeit, Kinder, Zweisamkeit: im Alltag nicht leicht zu organisieren. Damit alle Bedürfnisse befriedigt werden, werden Schwimmflügerl, Taucherbrille, Spritzpistole – die Profis nehmen auch Pflaster mit – eingepackt und das Thermentagesticket für Familien gecheckt.

Motto: „Rutsch doch mal alleine!“

Die Kinder werden in die Kinderwelt abgeschoben, in der pausenlos gerutscht wird. Geschwommen wird nur, wenn der Nachwuchs zu sehr quengelt. Das Baby wird im Schwimmreifen durch die Pärchen-Herden gezogen. So lange, bis man feststellt, dass die Windeln undicht sind („Merkt ja niemand“). Ansonsten liegen Eltern halbtot in ihrer Matte, als hätten sie Tropenkoller. Beide sind zu erschöpft, um zu lesen, und beobachten argwöhnisch die Frischverliebten – allen voran die Teenager („Werden wir nie erlauben“). Wegen der Kinder sind die Pommes im überteuerten Restaurant ausverkauft.

Entwickeln sich die Beziehungssanierer jedoch nicht zur Familie weiter, bleiben zwei Sorten Thermenbesucher übrig: die Spanner und die Clique.

Ladies first: Typus vier, die Clique. Es sind meist Frauen aller Altersgruppen, frisch getrennt, geschieden, oder sie wollen einfach mal was für ihre Work-Life-Balance tun.

Ihr Haar ist in hübschen Knoten nach oben gebunden und bis ganz zum Nacken hinunter vollkommen trocken. Sie posten Gruppen-Selfies für Facebook („Only crew love is true love“) und hängen entweder am Beckenrand oder in den Korbsesseln herum.

Motto: „Schau dir die/den mal an!“

Sie glauben, schwimmen ist wie spazieren gehen, nur, dass man dabei Kalorien verbraucht. Wenn sie sich bewegen, dann höchstens eine halbe Stunde lang mit absurd nach oben gereckten Köpfchen und unmotivierten Beinschlägen durch das Becken. Sie reden ununterbrochen, meistens über irgendwas, was sie furchtbar ärgert. Sie grausen sich vor den Frischverliebten („Haben die kein Zimmer?“).

Beim Frühstück oder Candle-Light-Dinner sprechen sie am lautesten über die neuesten Serien („Habt ihr das Finale von Girls gesehen?“ oder „Game of Thrones ist aber schon sexistisch“) und sind irgendwie froh, wenn sie sich so umblicken, kein Pärchen-Thermentypus zu sein. Sie ekeln sich vor den schmusenden Pärchen im geheizten Außenbecken und reagieren aggressiv auf den Spanner, der ihnen in der Sauna gegenüber sitzt.

Apropos Spanner. Ein Typus, der aus der Therme nicht wegzudenken ist. Die Verliebtheitsphase haben sie schon lange hinter sich. Die Kinder, falls sie welche haben, sind schon groß.

Sie treffen sich in der Therme mit den Dorfkumpels. Manchmal sind sie mit Partnerin unterwegs, die währenddessen alleine mit Fitnesstrainer und Schwimmschlange Gymnastik im Sportbecken macht. Spanner erkannt man an Brusthaaren, Speedo, Schwimmbrille und Goldkettchen.

Motto: „Wenn ich noch mal jung wär’!“

Sie sitzen in der Sauna, am Beckenrand oder bei den Sprudeldüsen. Besonders weit entwickelte Spanner tauchen durch die Pärchen-Herden durch. Sie trauern ihren jungen Jahren nach und lieben die Becken, in denen sie sich ungeniert umschauen können.

Wie alle anderen, so kommunizieren auch die Spanner, wenn auch nur untereinander. Überhaupt ist die Therme ein wortkarger Ort. In der Therme bleibt man lieber unter sich in den Korbnestern. Mit dem Spanner endet die Evolution des Thermenbewohners.

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