Die Äußere Mariahilfer Straße – die wilde Schwester der Mahü

Während die schicke Mahü heute mit ihrer neuen Fußgängerzone gefeiert wird, fristet die Äußere Mariahilfer Straße ein Schattendasein. Nur, wenn etwas schief läuft, steht sie im Rampenlicht. Eine Würdigung. 

Erschienen am 01.08.2015 auf NZZ.at. llustration: Lilly Planholzer.

Streber und schwarzes Schaf gibt es in jeder Familie. Die britischen Royals haben Prinz William und Prinz Harry. Österreich hat Vorarlberg und Kärnten. Und die Wienerinnen und Wiener haben die Innere und die Äußere Mariahilfer Straße. Zwei ungleiche Schwestern. Da das Liebkind. Dort der Punk.

Selbst der Westbahnhof kehrt ihr den Rücken zu

Der Streber ist schnell ausgemacht. Die Innere, liebevoll auch „Mahü“ genannt. 1,8 Kilometer pure Shoppingmeile und seit Samstag verkehrsberuhigte Oase mit Bänken, Springbrunnen, entspannten Passanten, glücklichen Radfahrern und jeder Menge Publicity.

Auf der anderen Seite des Gürtels: das schwarze Schaf. Die Äußere Mariahilfer hat keinen niedlichen Spitznamen. Über sie wird kaum geredet, außer es ist wieder einmal etwas schiefgegangen. Etwa, wenn ein Gebäude wegen Einsturzgefahr evakuiert wird oder ein Selbstmord einen Hauseinsturz auslöst.

Kein Ort für Mütter mit Tragetüchern

Ihr Leben beginnt hinter dem Westbahnhof. Sie lebt im Wilden Westen: im 15. Bezirk, Rudolfsheim-Fünfhaus. Hier, jenseits des dicht befahrenen Gürtels, begegnet man keinen Caffè Latte trinkenden Müttern mit Tragetuch, flanierenden Senioren oder Hipstern mit Hornbrillen. Auf dieser Seite des Gürtels ist die Welt schriller, bunter und vielseitiger.

Hier tragen die Leute zerrissene Jeans – nicht weil es „in“ ist, sondern weil sie gebraucht sind. Sie ist ein kleines Weltdorf. Während auf der Inneren höchstens ein paar Touristen englisch miteinander reden, hört man auf der Äußeren serbokroatisch, türkisch, arabisch, chinesisch. Das Kosmopolitische spiegelt sich auch in den Restaurants, Hotels und Geschäften wieder. Hier ein Kebab-Stand, dort ein Vietnamese, ein paar Blöcke weiter die persische Patisserie. Und wer sich nach Leberkäse und Geselchtem sehnt, begibt sich die Stufen hinab auf den alternden Schwendermarkt.

Sie ist viel bodenständiger als die Mahü

Die Äußere ist viel erdiger als ihre Schwester. Der Punk braucht keine amerikanischen Krapfen, keine Jeans, geschneidert von zwei PR-Männern, kein Warenhaus voller Luxusmarken. Kurz: kein Schnickschnack. Sie will es auf den 1,9 Kilometern günstig und praktisch. Sie begnügt sich mit Läden voller Gebrauchsgegenstände wie Waschmaschinen, Mixer und Glätteisen.

 

Die Äußere ist immer mit den falschen Leuten unterwegs, davon zeugen die Wettcafés auf der Straße.

Die wilde Schwester verdient auch viel weniger: Der Einzelhandelsumsatz der Äußeren hat im Jahr 2014 laut Wirtschaftskammer Wien 141,8 Millionen Euro betragen, bei der Inneren ist es rund eine Milliarde Euro gewesen.

Das Durchschnittseinkommen im 15. Bezirk betrug 2012 rund 16.700 Euro, damit ist man in Wien Schlusslicht. Im sechsten und siebten Bezirk lag es jeweils bei ungefähr 22.000 Euro.
Auch politisch unterscheiden sich die zwei Schwestern. Die Äußere liegt im traditionellen Arbeiterbezirk. Er ist fest in sozialdemokratischer Hand, auf Platz zwei liegt die FPÖ. In Mariahilf ist dagegen Grün auf Platz zwei, in Neubau auf Platz 1 (45,4 Prozent).

Die Liaison mit dem Straßenstrich

Bis 2011 ging die Äußere auch mit den falschen Typen nach Hause. Bis dahin war sie mit ihrer Nachbarschaft, der Felberstraße, Mittelpunkt der Straßenstrich-Szene. Das neue Prostitutionsgesetz der Stadt Wien beendete diese langjährige Liaison, die Anfang des 20. Jahrhunderts begonnen hatte.

Dass die Innere und die Äußere Mariahilfer Straße zusammengehören, ist seit Ende des 19./Anfang des 20. Jahrhunderts so. Vorher war die Äußere außerhalb des Linienwalls. Sie lag in der Provinz, hieß Schönbrunner Straße, weil sie zum Schloss führte, und dann später Poststraße. Seit jeher war sie eine wilde Gegend. 1819 entstand hier laut Bezirksmuseum eine erste erfolgreiche Waffenfabrik, ein verhinderter Napoleon-Attentäter wurde hier hingerichtet. Mit dem Westbahnhof (1859) kamen die Hotels und Gasthäuser. Sie war immer schon ein wenig verrucht und nie eine piekfeine Vorzeigestraße.

Sehr charmant, dennoch verkannt

Sie versucht, ihre beliebte Schwester auch ein wenig nachzuahmen: Die Kreativen machen sich in der Nachbarschaft, der Reindorfgasse, breit.

Dabei hätte sie das gar nicht nötig. Sie ist vielleicht auf den ersten Blick nicht so schick wie die Innere Mariahilfer Straße, aber trotzdem sehr charmant.

Und sie hat eines der Inneren Mariahilfer Straße voraus. Etwas, worauf die werte Mahü sehr neidisch ist: den Auer-Welsbach-Park. Denn die Innere hat alles – außer Grünflächen.

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s