Von Amok bis Zöbern

Im Mai 1997 erschoss der damals 15-jährige Helmut Z. in der Hauptschule Zöbern eine Lehrerin und verletzte eine weitere schwer. Jetzt lebt er wieder in Zöbern und erzählt seine Lebensgeschichte. Porträt eines Amokschützen.

 Erscheinen am 01.05.2011 im Magazin DATUM. Co-Autor: Thomas Trescher.

Helmut Z. sitzt auf einem Fahrrad und tritt in die Pedale, so kräftig es geht, er muss hier weg. Irgendetwas ist passiert vor ein paar Minuten. Was genau, das weiß er nicht. Aber es war nichts Gutes, denn Helmut Z. weiß, dass er sich jetzt verstecken muss. Schüsse sind gefallen und Blut ist geflossen; viele Schüsse und viel Blut. Hinten auf dem Gepäckträger flattert ein Plastiksackerl im Fahrtwind, es ist gefüllt mit Munition. Und am Rücken hat er einen Revolver in der Hose stecken, so wie man das aus amerikanischen Gangsterfilmen kennt. Hinter ihm taucht ein Auto auf; als es den auf dem Rad strampelnden 15-Jährigen erreicht, wird es langsamer. Es ist Helmuts Nachbar und Großcousin Johann K., aus dem fahrenden Auto ruft er ihm zu; überredet ihn, stehen zu bleiben. Er kann Helmut überzeugen, zu ihm ins Auto zu steigen, die Waffe in den Kofferraum zu werfen und der Polizei entgegenzufahren, die bereits nach ihm fahndet. „Was hab’ ich gemacht?“, fragt der Schüler seinen Nachbarn. „Ich weiß nur, dass ich einen Scheiß gebaut hab’.“
Am 5. Mai 1997 hat Helmut Z. ein Leben ausgelöscht, das ganze Land erschüttert und seine eigene Existenz zerstört. Er gilt als Österreichs einziger jugendlicher Amokläufer, seitdem er mit dem Revolver seines Vaters in der Hauptschule Zöbern eine Lehrerin erschoss und eine zweite schwer verwundete. Wann immer sich irgendwo auf der Welt an einer Schule ein Amoklauf ereignet, sind Helmut Z. und Zöbern wieder im Gespräch. 14 Jahre nach der Tat spricht Österreichs Amokschütze nun erstmals ausführlich über die Tat, sein Leben danach und seine Zukunftspläne.

Der heute 29-Jährige lebt seit fünf Jahren wieder in dem niederösterreichischen 1.500-Einwohner-Ort, in dem der „Bledsinn“, wie er seine Tat nennt, passiert ist. In Zöbern, wo ihn alle kennen, will er sich lieber nicht zum Gespräch treffen. Stattdessen sitzt der schlanke 1,90- Meter-Mann an einem der ersten schönen Frühlingstage neben seinem acht Jahre jüngeren Bruder Kurt draußen vor der Bar „Skyline“ im sieben Kilometer entfernten Aspang. Hier arbeitet er auch seit kurzem bei der Müllabfuhr. „Ein krisensicherer Job“, sagt er in breitem niederösterreichischem Dialekt und wippt mit dem Fuß, so wie immer, wenn er spricht. Er räumt in 22 Gemeinden der Umgebung den Mist weg, auch in Zöbern. Nur den Müll der Hauptschule greift er nicht an, das übernimmt sein Kollege. Seit dem Lokalaugenschein, bei dem er die Tat für die Polizei rekonstruieren musste, war er nicht mehr in der Schule.
Er versucht, so wenig wie möglich an seine Tat zu denken. „Mit der Zeit stumpft man ab, stürzt sich in was anderes rein. Aber manchmal schießt es einem schon wieder ein. Ich fahr’ die Straße entlang und denk’ mir plötzlich, da haben sie mich damals verhaftet.“

Wenn Helmut Z. von seinem Amoklauf erzählt, den er als „Kurzschlusshandlung“ bezeichnet, blickt er durch seine rechteckige Brille auf den Boden. In die Augen sieht er einem selten. Oft bleibt seine Erzählung distanziert und an der Oberfläche, verliert sich in kleinen Details und Anekdoten. Er hat ein unglaubliches Gedächtnis, wenn es um Daten und Namen geht, weiß den Wochentag seiner Entlassung genauso wie die Namen fast aller Beamten und Therapeuten, mit denen er zu tun hatte. Doch vor allem versucht er, keine Emotionen zu zeigen, auch wenn seine Augen manchmal glasig werden. Emotionen würden immer als Schwäche ausgelegt und seien demnach „schwul“, befindet er und dämpft eine Zigarette aus. „Weil dann frotzeln sie dich, und wenn du ihnen deshalb eine reibst, hast du wieder nur Probleme.“ Dass er „unfähig zur Empathie“ sei, wie der Gerichtspsychiater Max Friedrich ihm in einem Gutachten während des Prozesses bescheinigte, hält er für Unsinn.

„Im Großen und Ganzen“ habe er mit seiner Vergangenheit abgeschlossen, sagt Helmut Z.: „Früher ist früher, und jetzt ist jetzt.“ Helmut Z. mag jetzt ein anderer Mensch sein, doch er lebt wieder in seiner alten Heimat; und das schafft Probleme. In Zöbern will heute vom Bürgermeister abwärts niemand über den Amoklauf und das Zusammenleben mit Helmut Z. reden. Der Wirt nicht, die ehemaligen Klassenkollegen nicht und die verwundete Lehrerin auch nicht.

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