Haben Sie schon von den NEETs gehört?

„NEET“ nennt man Jugendliche, die weder arbeiten noch die Schulbank drücken. Rund 150.000 Österreicher zwischen 15 und 24 Jahren fallen in diese Gruppe und nur knapp die Hälfte von ihnen schafft den Sprung in die Berufswelt. Über Jugendliche, die übrig bleiben. 

Erschienen am 03.02.2015 auf NZZ.at – dort mit Video. Foto: James Alby/flickr.

„Ich möchte nur endlich einen Job haben, in dem ich mich beweisen kann“, sagt Christian, 20 Jahre alt, Brille, schwarze Strickweste. Den Traum vom Modejournalisten hat er längst aufgegeben. „Altenpfleger ist auch gut. Das ist ein Beruf mit Perspektive.“ Bislang hat es auch für Lorenz noch nicht so wirklich mit dem Traumberuf geklappt. Der blonde, schmächtige 17-Jährige hat es in der Schule einfach nicht ausgehalten. „Ich will unbedingt endlich etwas durchziehen“, sagt er und bewirbt sich pausenlos bei Unternehmen als Kfz-Mechaniker.

Rauchen, warten und nur nicht den Mut verlieren: In den verwinkelten Werkstatthallen in einem Hinterhof im 20. Bezirk werden Jugendliche wie Lorenz oder Christian aufgelesen. Sie sitzen im sogenannten Spacelab auf durchgesessenen Sofas, vor Computern, starren schüchtern auf ihre Smartphones oder kochen mit den Sozialarbeitern. Manche von ihnen basteln in den Werkstätten an Holz oder Möbeln, um sich ein bisschen Geld dazuzuverdienen.

Gemeinsam mit ihren Betreuern arbeiten die Teenager an ihren Bewerbungen, hoffen auf eine Lehrstelle oder schmieden Zukunftspläne.

Vor wenigen Tagen hat die österreichische Regierung die Initiative „AusBildung bis 18“ gestartet. Diese soll die Mindestausbildungsdauer ab dem Schuljahr 2016/2017 bis zum 19. Lebensjahr verlängern. Was an und für sich nicht viel zu bedeuten hat. Schließlich drücken die meisten Jugendlichen ohnehin nach der neunjährigen Schulpflicht weiter die Schulbank oder machen in einer Firma eine Lehre. Für Jugendliche wie Lorenz oder Christian bedeutet es jedoch sehr viel. Für sie wurde etwa durch die Ausbildungsgarantie 2010 ein Auffangbecken geschaffen, das Spacelab.

Durch die Ausbildungspflicht sollen sie noch besser unterstützt werden. Wie genau, wird gerade erarbeitet. Der Haken an der Sache ist aber eher: Wie man diese sogenannten NEET erreicht, weiß niemand. Und eigentlich hakt es überhaupt woanders: am Schulsystem. Wie immer. Eine Spurensuche.

Wofür steht „NEET“ eigentlich?

NEET steht für Not in Education, Employment or Training. Also Jugendliche, die weder in Schul- noch in (Lehr-)Ausbildung stecken und von arbeitsmarktpolitischen Trainings- und Qualifizierungsmaßnahmen kaum erreicht werden. Sie hatten schlechte Noten oder Stress zu Hause, einfach keinen Bock auf Schule, brachen die Lehre ab oder hatten falsche Erwartungen an die Berufswelt. Die wenigen von ihnen, die institutionell vom AMS aufgefangen wurden, wie hier im Spacelab, befinden sich in einer AMS-Schulungsspirale, der nur knapp die Hälfte wieder entkommen wird.

Die Abwärtsspirale

Beim Erwerbskarrierenmonitoring vom Sozialministerium und der Statistik Austria beobachtete man NEET-Jugendliche 18 Monate lang. Folgende Grafik zeigt, wie es den Jugendlichen, vorwiegend jungen Frauen, nach eineinhalb Jahren Bildungs- und Erwerbsferne geht: Entweder haben sie eine Lehre oder einen 40-Stunden-Job gefunden, oder sie werden vom AMS beraten und betreut. Die Hälfte hat es aber noch immer nicht geschafft, aus der Spirale zu entkommen: Die Betroffenen werden in der Statistik im Bereich „Sonstige/Nicht aktiv“ angeführt. In dieser Kategorie sind jene aufgelistet, die mittlerweile entweder geringfügig arbeiten oder karenziert sind. Oder sie sind noch immer ein NEET. Status also unverändert.

Wer sind diese Kids?

 

Großteils stammen NEET-Jugendliche aus bildungsfernen Milieus, wie Beate Großegger, wissenschaftliche Leiterin des Instituts für Jugendkulturforschung, in „Kinder der Krise“ schreibt. Es gibt wenig konkrete Zahlen zu dieser Gruppe. Laut Statistik Austria waren 2013 7,1 Prozent der jungen Erwachsenen zwischen 15 und 24 Jahren in der NEET-Gruppe, 2012 waren es noch 6,5 Prozent der Jungen.

Ein paar Fakten zu den NEET-Jugendlichen von der Abteilung für empirische Sozialforschung am Institut für Soziologie der Johannes Kepler Universität Linz:

Haben die Eltern maximal Pflichtschulabschluss (14,4 Prozent) oder Lehre (6,9 Prozent) gemacht, ist die Chance größer, dass ihre Kinder in die NEET-Kategorie gehören werden:

Selbiges gilt für die Staatsbürgerschaft:

Auch ein früherer Schulabgang gefährdet Jugendliche, in diese Gruppe zu fallen.

Sozialarbeiter laufen durch Parks und suchen NEET

Das Hauptproblem an den NEET ist, dass man sie quasi kaum erreicht, erzählt Sabine Putz. Sie arbeitet in der AMS-Bundesgeschäftsstelle für Arbeitsmarktforschung und Berufsinformation:

Wir können nicht von Haus zu Haus gehen und nachschauen, ob am Sofa ein erwerbsloser Jugendlicher hockt.

Das AMS versucht, Jugendliche mit niederschwelligen Angeboten zu erreichen. Teilweise werden Sozialarbeiter in die Parks geschickt, um die Teenager aufzuspüren. Oft wüsste man nicht einmal, wo sich die Jugendlichen befinden: „Manche Jugendliche mit Migrationshintergrund haben das Land verlassen, andere gehen nicht arbeiten, sondern kümmern sich um den Haushalt“, zählt Putz auf. „Wir können auch nicht mehr tun, als wir tun.“

Und das sagt die Politik dazu

Die Wurzel des Problems sei, da sind sich quasi alle Bildungssprecher der Parteien einig, das Bildungssystem. „Die Ausbildungsgarantie ist nur eine Reparatur des Systems“, sagt etwa NEOS-Bildungssprecher und Parteiobmann Matthias Strolz. Strolz hält nichts von solchen „Zwangsmaßnahmen“, auch wenn die Ausbildungsgarantie ein guter Ansatz sei. Aber gefährdete Jugendliche müsste man schon viel früher auffangen. „Das Problem liegt am Schulsystem“, bestätigen SPÖ-Bildungssprecherin Elisabeth Grossmann und ihr grünes Pendant Harald Walser. „Wenn 20 Prozent der Lehrlinge ihre Abschlussprüfung nicht schaffen, hakt es woanders.“

Laut PISA-Studie können 20 Prozent der Pflichtschulabsolventen nicht ordentlich lesen und schreiben. Dass es Probleme mit den Grundkompetenzen der Lehrstellenbewerber gebe, sagt auch Alfred Freundlinger von der Wirtschaftskammer. Auch Freundlinger spricht wieder das Schulsystem an. „Es scheitert außerdem daran, dass aufgrund der demografischen Entwicklung Angebot und Nachfrage regional und branchenweise nicht zusammenpassen“, sagt er.

Beginnt das Problem schon in den Volksschulen? Das Monatsmagazin DATUM ist dieser Frage in einer Reportage über das Fundament des österreichischen Bildungssystems nachgegangen.

Freundlinger ist für eine Bildungsverpflichtung bis 18 Jahre. „Für die konkrete Umsetzung sind natürlich noch sehr viele Probleme zu lösen“, so Freundlicher weiters.

Die Jugendlichen vom Spacelab dürfen die Werkstätten maximal ein halbes Jahr als Komfortzone nutzen. Haben sie bis dahin keine Lehre gefunden, absolvieren sie beim AMS eine überbetriebliche Lehre. 7.550 Jugendliche befinden sich derzeit in einer solchen überbetrieblichen Ausbildung. 53 Prozent dieser Kids werden drei Monate nach Beendigung der Lehre einen Job haben. Der Rest befindet sich entweder beim Bundesheer oder im Zivildienst (18 Prozent), ist arbeitslos (23 Prozent) oder macht die nächste AMS-Schulung.

„Wäre ich noch einmal 15, würde ich die Hauptschule fertig machen“, sagt Christian. Diesen Rat gibt er auch jedem seiner Spacelab-Kollegen. „Das erspart einiges. Kinder, bleibt in der Schule.“

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