Die Ideologie in den Schulbüchern

Globalisierung, Emanzipation, österreichische Identität: In Geschichte-Schulbüchern wird die nächste Generation politisch geprägt. Doch: Wo enden Fakten, wo beginnt Ideologie? Eine Schulbuch-Analyse.

Erschienen am 19.09.2015 auf NZZ.at. Illustration: Lilly Panholzer.Einen besseren Werbeplatz gibt es wahrscheinlich nicht. Christian Felber, Gründungsmitglied von ATTAC, hält lächelnd seine Bücher „Gemeinwohl-Ökonomie“ und „50 Vorschläge für eine gerechtere Welt“ in die Kamera. Ein Foto wie aus einem Verlagskatalog. Die Empfänger finden die Werbeeinschaltung an einem Ort, an dem sie sich eigentlich vor politischer Propaganda geschützt fühlen sollten: Im Klassenzimmer.

Das Bild des Globalisierungskritikers findet sich im Schulbuch „Go!“ für die achte Klasse Gymnasium in einem Kapitel über Globalisierung. Mithilfe Felbers Büchern müssen Maturantinnen und Maturanten Fragen am Ende des Abschnitts beantworten.

Felber ist nicht unumstritten. Für die einen ist er eine wichtige Stimme, der in seinen Büchern Alternativen zum Kapitalismus, Globalisierung, Demokratieabbau aufzeigt. Für andere ist er ein Traumtänzer, der sich die Welt zurechtbiegt. Wer recht hat, sei dahingestellt. Die Frage ist eher: Was hat das Bild – uneingeordnet – in einem der meistverwendeten Geschichtebücher der achten Klasse zu suchen?

Das Schulbuch ist seit Jahrzehnten das Leitmedium im Unterricht. Schüler arbeiten ein ganzes Jahr mit den Büchern, unterstreichen wichtige Sätze, lernen daraus, bis die Bücher in Kartons auf dem Dachboden verschwinden.

Im Geschichteunterricht setzen sich Schüler möglicherweise das erste Mal mit der Vergangenheit auseinander. Hier werden sie geprägt. Der Blick in die Vergangenheit hilft dabei, sich in der Gegenwart zu orientieren – in politischer, aber auch in moralischer Hinsicht.

Blättert man durch die am häufigsten verwendeten Bücher des Fachs „Geschichte und Sozialkunde/Politische Bildung“ der Gymnasien in Österreich, findet man in vielen Kapiteln eine tendenziöse Schwerpunktsetzung und Quellenauswahl; Themen werden weggelassen, andere aufgebauscht. Welche politische Bildung wird der jungen Generation mitgegeben?

Die Diktatur des Weltmarktes gefährdet die Demokratie?

„Go! Geschichte“ und „Zeitbilder“ sind die populärsten Schulbücher der achten Klasse Gymnasium. Im Lehrplan stehen komplexe Themen, jene mit viel Interpretationsspielraum: Medien, Globalisierungsprozesse, Extremismus.

Bleiben wir beim Thema Globalisierung: Sie schließt Vernetzung, Mobilität, neue Märkte mit ein, aber auch Ausbeutung, Abwanderung in Billiglohnländer und Armut. In „Zeitbilder“ gehört Globalisierung zur dunklen Seite der Macht.

Das Phänomen wird im Kapitel „Herausforderungen der Gegenwart“ direkt nach dem Thema Terrorismus behandelt. Nach der Überschrift „Neoliberal – total global“, folgt ein vierseitiges düsteres Bild der gegenwärtigen, globalen Welt – gut bestückt mit einer Reihe von Globalisierungskritikern, die nicht als solche ausgewiesen sind.

Darunter auch Jean Ziegler, einer der berühmtesten deutschsprachigen Globalisierungskritiker und lange Zeit auch UN-Sonderberichterstatter für das Recht auf Nahrung. Folgendes Ziegler-Zitat steht hervorgehoben nach der Zwischenüberschrift „Diktatur des Weltmarktes – Gefahr für die Demokratie“:

Im Jahr 2010 haben die 500 größten Privatkonzerne aller Sektoren 52,8 Prozent des Weltbruttosozialproduktes beherrscht. Die haben eine Macht, wie sie auf diesem Planeten nie ein König, nie ein Kaiser, nie ein Papst gehabt hat.

Die Globalisierung hat zur Folge, so steht es zumindest in „Zeitbilder“ geschrieben, dass Arbeitnehmer nur mehr unter dem Gesichtspunkt betrachtet werden, wie profitabel sie im Betrieb einsetzbar sind.

Aktien steigen, wenn Arbeitnehmer fallen, wird Rolf Hochhuth zitiert. Hochhuth schreibt Theaterstücke, er ist Dramatiker. Er hat weder Wirtschaft studiert noch sich beruflich außerhalb der Kunst bewegt. Warum seine Meinung zum Thema Globalisierung in einem Schulbuch hervorgehoben wird, ist zu hinterfragen.

Das Kapitel ist aber noch lange nicht zu Ende: In die Reihe der Globalisierungskritiker ordnet sich auch die Bewegung ATTAC ein. Auch ihren Forderungen wird Raum gegeben; es wird – wieder unkommentiert – aus ihrer Gründungsdeklaration zitiert. Das Kapitel endet mit einem halbseitigen Foto der Aktivisten von „Occupy Wall Street“, auf dem sie ein Plakat mit der Aufschrift „We are the 99 %“ in die Höhe halten. Im Text darunter geht es um die Finanzkrise. Gegenmeinungen zur Globalisierungskritik findet man im Kapitel nirgends.

Gefühle und die österreichische Seele

Nicht nur bei der Quellenauswahl schwingen politische Tendenzen mit, sondern machen sich auch dadurch bemerkbar, wie viel Raum Themen gegeben wird. Dazu hat NZZ.at die Inhaltsverzeichnisse der beiden beliebtesten Schulbücher der siebten Klasse analysiert. Wie in der achten, sind dies wieder die beiden Bücher „Go!“ und „Zeitbilder“.

Beide setzen unterschiedliche Schwerpunkte: „Zeitbilder“ fokussiert sich stärker auf internationale Politik: Der Nachwuchs lernt etwa von Lateinamerika, Albanien, dem Aufstieg Chinas zur Großmacht und der Kubakrise. Themen, die kaum bis gar nicht in „Go!“ vorkommen.

„Go!“ hingegen stellt den Aktivismus in den Vordergrund: 1968er-Jugend, Umweltbewegung, Feminismus. Die Schüler lesen von der Marxistin Rosa Luxemburg und die Modernisierung der katholischen Kirche unter Papst Johannes XXIII. „Go!“ behandelt aber nur auf rund 20 Seiten den Nationalsozialismus, während sich „Zeitbilder“ dem Thema mehr als doppelt so viele Seiten widmet.

In „Go!“ wird, so erkennt man durch die Analyse, viel mehr Emotion mitgegeben, Politik von unten, Zivilgesellschaft sozusagen. Die Schulbuchautoren widmen sich auch der österreichischen Identität und dem Nationalbewusstsein. Auf drei Seiten wird die österreichische Seele skizziert: von Helmut Qualtinger zum Erinnerungsort Heldenplatz bis hin zu der Frage „Deutsch oder Österreichisch? – Die Entwicklung des österreichischen Nationalbewusstseins“.

Wie die Bücher in die Schule kommen

Es entscheidet die Schule, aus welchem Buch die Schüler lernen. Damit entscheidet die Schule auch, welche politischen Schwerpunkte dem Nachwuchs mit auf den Weg gegeben werden.

Wie ist es möglich, dass historische Ereignisse in Schulbüchern so verschieden behandelt werden, obwohl sie beide als Schulbücher zugelassen wurden?

Die Schulbücher kommen aus dem Pool der Schulbuchaktion*, die vom Familienministerium finanziert wird.

Das Bildungsministerium ist jedoch für die Prüfung der Bücher zuständig. Dort muss der Autor auch das Manuskript einreichen. Laut Bildungsministerium lesen mindestens zwei Gutachter die Texte. Gutachter werden von der Bundesministerin ernannt und sind vier Jahre lang Organe des Bundes.

Sie kontrollieren die Fakten und bewerten nach bestimmten Kriterien – etwa ob der Lehrplan eingehalten wird oder demokratische Einstellungen vermittelt – sowie ob Themen altersgerecht verpackt werden.

Der Gutachter entscheidet

Und hier ist der Haken: Jeder Gutachter setzt andere Schwerpunkte. Das bestätigt auch der Schulbuch-Verleger Michael Lemberger. Sein erstes Schulbuch veröffentlichte er 1994. „Manche Gutachter fokussieren sich eher auf Übungen und Arbeitsaufträge, andere wiederum fixieren sich etwa auf Bilder oder sprachlichen Ausdruck“, sagt Lemberger. Je nach Gutachter wird also etwas angekreidet oder eben auch nicht. Es liegt anscheinend im Ermessen des Gutachters, welche Bücher schlussendlich freigegeben werden.

Offenbar ist beim Begutachtungsverfahren auch das pädagogische Konzept wenig standardisiert. Das merkt man an den beiden Beispielen „Zeitbilder“ und „Go!“: Sie sind didaktisch komplett anders aufgebaut. Während „Zeitbilder“ etwa chronologisch vorgeht und die Übungen („Kompetenztraining“) in die Kapitel einbaut, wählten die Autoren von „Go!“ einen stärker kompetenzorientierten Zugang**. Die Schüler analysieren in „Go!“ Wahlplakate, Lieder und Karikaturen und sollen eine Gedenkstätte besuchen.

Gegen den wirtschaftlichen Mainstream bürsten

Mit jedem Buchtipp, jedem Autor, jedem Zitat, jeder pädagogischen Übung gibt man eine Richtung vor, legt sozusagen den Geist der Schrift fest. Das ist gerade bei Geschichtsbüchern heikel. Zwar werden im Lehrplan die Überthemen wie beispielsweise Friedenspolitik nach 1918 vorgegeben – mit welchen Beispielen die Themen bestückt werden, bleibt aber den Autoren überlassen.

Der Österreichische Buchverlag verlegt die Zeitbilder-Bücher. In einer schriftlichen Stellungnahme stehen sie zu ihrer globalisierungskritischen Haltung im Schulbuch:

Da der wirtschaftliche Mainstream faktisch klar in Richtung Globalisierung geht ist es wohl die Aufgabe eines zum kritischen Denken und Urteilen anregenden Unterrichtswerkes, manches „gegen den Strich“ zu bürsten.

Warum der „wirtschaftliche Mainstream“ aber gar keine Stimme erhält, ist damit aber nicht beantwortet, und auch nicht, warum ein Schulbuch „gegen den Strich“ bürsten muss. Es bürstet auch niemand im Schulbuch gegen den Mainstream, wenn es etwa um das Thema Klimawandel geht.

Der kleinste Nenner von Autor, Verlag und Ministerium

„Es wäre naiv zu glauben, dass ein Geschichtsbuch untendenziös sein könnte“, sagt Brigitte Messner, Lektorin von „Go!“, verlegt vom E.Dorner-Verlag. Der Verlag bemühe sich aber, die Schüler darauf aufmerksam zu machen. So findet man im Buch für die achte Klasse ein Kapitel zur „Dekonstruktion von Geschichte-Schulbüchern“, in der die Schüler zum kritischen Hinterfragen angeregt werden. Das Bild mit Felber und seinen Büchern werde man für die nächste Auflage kommendes Jahr entfernen: „Ja, wir haben übersehen, dass Felber da besonders hervorsticht“, sagt Messner.

In Zukunft jedem seine Geschichte

Lemberger vom Bildungsverlag Lemberger sagt, dass es gerade im Fach „Geschichte und Politische Bildung“ schwierig ist, ein Lehrbuch zu schreiben. „Ein Schulbuch ist immer nur der kleinste gemeinsame Nenner von Autor, Verlag und Ministerium“, sagt er.
Das Schulbuch entwickelt sich indessen permanent weiter. Mittlerweile gibt es digitale Bücher mit Links für die Online-Recherche. Lembergers Verlag arbeitet derzeit an einem neuen Konzept. In Zukunft sollen Lehrer im Schulbuch digital Seiten hinzufügen und drucken lassen können. Damit habe dann jeder Lehrer sein individuelles Schulbuch, sagt Lemberger. Und jede einzelne Klasse ihre eigene Geschichtsschreibung.

 

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