Erika Lust über Porno

Erika Lust empfängt Pia Ratzesberger und mich in ihrem Büro in Barcelona. Sie könnte hier auch gut eine Agentur für Innenarchitektur führen, wenn da nicht die nackten Körper an den Wänden wären. Die Schwedin produziert feministische Pornos, sie redet gerne, viel und schnell darüber. Lust ist es leid, dass nur Männer bestimmen, was erotisch ist. 

Interview erschienen in der Wochenendausgabe der Süddeutschen Zeitung vom 14./15.Januar 2017.Co-Autorin: Pia Ratzesberger.

 

SZ: Frau Lust, stehen Frauen überhaupt auf Pornos?

Erika Lust: Ich würde sagen, viele Frauen sind interessiert.

Aber?

Sie sind angeekelt von dem, was sie im Netz sehen. Sie wollen Filme, die sie inspi- rieren und anmachen. Keine Pornos, bei denen sie am liebsten kotzen würden. Was macht denn einen guten Porno aus? Ich will ein Narrativ, ich will verstehen, wer die Leute sind. Sie müssen sich wirk- lich voneinander angezogen fühlen. Das Licht, der Style, alles muss zusammenpas- sen.

Ein guter Porno ist für Sie also ästhetisch?
Oh ja, ich will, dass es wunderschön aus- sieht. Tolle Location, tolles Make-up, groß- artige Klamotten.

Sind das speziell weibliche Vorlieben?
Na ja, meine Filme schauen noch immer mehr Männer. 60 Prozent ungefähr. Jeder denkt, dass Männer nur auf den Standard- porno mit jungen Frauen und großen Brüs- ten stehen, aber es gibt eine neue Generati- on von Männern. Sie wollen etwas Intelli- genteres.

Intelligent sind die meisten Pornos nicht.
Die meisten Leute, die Pornos drehen, haben keine Ahnung vom Film. In den meisten Mainstreampornos wird es so dargestellt, als wäre Sex etwas, das Männer den Frauen antun.

Pornoproduzentin klingt jetzt aber auch nicht nach Arthouse-Kino.
Ich hasse es, wenn mich Leute Pornoproduzentin nennen.

Was sind Sie dann?
Ich bin Creative Director. Klar mache ich explizite Filme, die man Pornos nennen kann, da sie Sex zeigen, aber sie sind mehr als das. Manchmal frage ich die Leute, was sie denken, was feministischer Porno ist.

Und was antworten die?
Sie sagen oft: Ach, nur mit Frauen? Das wäre doch ein lesbischer Porno. Manche fra- gen auch: Feministischer Porno, also mit hässlichen Frauen?

Die Feministinnen als die unattraktiven Frauen, die keine Männer abbekommen. Genau, sie sagen: Okay, also mit Frauen mit Haaren unter den Achseln. Natürlich

habe ich Frauen mit Achselhaaren in meinen Filmen, aber das ist den Darstellern überlassen, ich bin nicht ihre Stylistin. Manche fragen auch, ob die Frauen die Männer unterdrücken in den Filmen.

Und Sie versuchen aufzuklären?
Manchmal vermeide ich das Thema auch, weil ich es leid bin. Dann sage ich, dass ich Independent Adult Cinema mache. Bei dem Wort Cinema, denkt man an Kinofilme, bei Adult weiß man, dass Sex dabei sein muss, und Independent, weil ich meine Filme selbst finanziere und produziere. Und was ist ein feministischer Porno? Der Spaß der Frau ist entscheidend, man muss die Lust der Frau sehen.

Ist ein guter Porno immer feministisch?
Für mich schon. Feministischer Porno sollte nicht einmal mehr eine Kategorie sein.

Wird die weibliche Lust in den gängigen Filmen mystifiziert?
Absolut. Es machen mehr Männer Pornofilme, doch die sind nervös, wenn es um die weibliche Lust geht.

Worauf führen Sie das zurück?
Die Männer wissen nie, ob die Frau gekommen ist oder nicht. Es gibt ein paar Hinweise, die Pupillen, die roten Flecken am Hals, aber das ist nicht das Gleiche.

Also lieber gleich den Mann zeigen, weil bei dem die Sache klar ist?
Der Typ ist im Mainstreamporno immer der tragende Charakter. Man sieht zwar die ganze Zeit die Frau, doch sie ist nur das schöne Objekt. Aber das heißt nicht, dass man im feministischen Porno nicht mehr die Lust des Mannes sehen sollte.

Fürchten das manche?
Wenn es um Feminismus geht, überreagieren die Männer sofort: Ja wie, soll der Mann keine Rechte mehr haben? Natürlich nicht, kommt mal runter, das heißt einfach nur, dass Frauen die verdammt gleichen Rechte haben wollen wie die Männer.

Die Männer kommen in Ihren Filmen auch gut weg, oder?
Sie werden vermenschlicht. Sie müssen keine Sexmaschinen mehr sein, im Mainstream nämlich sieht man vor allem ihren Penis.

Ist ein Blowjob denn antifeministisch?
Natürlich nicht. Frauen sind mittlerweile ziemlich verwirrt, was Feminismus und Sex angeht.

Erklären Sie uns das.
Viele Frauen denken, wenn man Feminis- tin ist, muss man auch im Bett dominant sein, das hat aber nichts miteinander zu tun. Es ist jedem selbst überlassen, welchen Sex er haben möchte. Du kannst Feministin sein mit starken Ideen, und der Mann nimmt dich im Schlafzimmer ran – wenn es das ist, was du willst. Wenn es aber nicht ist, was du willst, dann widerspricht es einer feministischen Haltung.

Frauen sind also auch in Ihren Pornos unterwürfig?
Als Filmemacherin habe ich mich ein bisschen mit der BDSM-Szene vertraut gemacht, weil sich ziemlich viele meiner Zuschauer dafür interessieren. Vor ein paar Wochen habe ich einen Film mit genau diesem Titel gedreht: „Kann eine Feministin unterwürfig sein?“

Wie beantworten Sie die Frage?
Der Film ist im Style einer Talkshow im Fernsehen gehalten, die Leute diskutieren über das Thema. Eine der Frauen in der Runde, sie hat auch in der Talkshow die Rolle der Pornodarstellerin inne, hat eine Session mit einem Meister. Normalerweise lasse ich die Leute einfach machen, aber da musste ich immer wieder unterbrechen.

Warum? War das schwer mit anzusehen?
Ich hatte das Gefühl, dass er zu hart mit ihr umging, und ich sagte: Hey Lena, ist das im- mer noch okay, sollen wir hier aufhören? Und sie meinte: Nein, mir geht es gut, ich will mehr. Da habe ich verstanden, dass wir alle unterschiedliche Level von Schmerz haben.

Geben die Leute Ihnen Feedback zu Ihren Filmen?
Ich kriege viele Mails von Männern.

Was schreiben sie Ihnen?
Sie schreiben oft: Hey, ich habe mit meiner Frau schon mal Pornos ausprobiert, und nie hat es funktioniert. Nun habe ich deine Filme entdeckt, und wir hatten die beste Nacht seit Langem. Porno kann den Leuten helfen.

Sie haben einmal gesagt, Porno hat die Macht, eine sexuelle Revolution weiter voranzutreiben.
Das ist großartig, habe ich das wirklich gesagt?

Im Grunde sind Sie doch eine clevere Geschäftsfrau, die eine Nische entdeckt hat. Natürlich ist das ein cleveres Business-Modell. Nur weil man Filmemacherin und Feministin ist, musst man keine NGO gründen.

Aber wäre der Revolution nicht mehr geholfen, wenn Sie Ihre Filme gratis zur Verfügung stellen würden?
Was? Nein, dann könnte ich nicht noch mehr Filme machen. Ich habe 15 Mitarbeiter, die ich bezahlen muss.

Die Frage ist auch, ob wir eine sexuelle Revolution überhaupt noch brauchen.
Sie ist noch lange nicht vollendet, wir brauchen vor allem eine Porno-Erziehung. Die

meisten Kinder, die neun Jahre alt sind, werden in diesem Lebensjahr einen Porno sehen und nie darüber sprechen. Man redet an den Schulen über Sex, aber nicht über Pornografie.

Dabei beeinflusst die Pornoindustrie vor allem junge Leute, die noch keinen Sex hatten.
Ja, sie schauen Pornos, weil sie etwas über Sex lernen wollen. Frauen lernen dann, dass es ihre Aufgabe ist, den Mann zu befriedigen. Und Männer lernen, dass sie Frauen benutzen können.

Wann haben Sie Ihren ersten gesehen?
Bei einer Pyjamaparty mit fünf Mädchen. Ich war elf oder zwölf. Eine Freundin hatte eine Videokassette ihres Vaters gefunden, die brachte uns komplett durcheinander.

Was sagen Ihre Eltern zu Ihrem Job?
Mein Vater war ein wenig verständnisvoller als meine Mutter. Das größte Problem für meine Mutter ist, dass sie nicht weiß, wie sie das anderen Leuten erklären soll. Meine Schwester ist Pilates-Trainerin, das ist leichter.

Sie selbst haben zwei Töchter – sechs und neun Jahre alt. Reden Sie über Sex?
Ich beantworte alle Fragen, sonst würde ich vermitteln, dass Sex etwas Gefährliches ist. Viele Eltern denken, dass ihre Kinder nicht über Sex reden und sich stattdessen Harry Potter ansehen. Schauen Sie mal, was passiert, wenn Sie Harry Potter und Sex googeln – Sie landen höchstwahrscheinlich auf einer Pornoseite.

Wollen viele junge Mädchen für Sie arbeiten?
Es gibt viele im Alter von 18 Jahren, die mir sagen, sie wollen ein Pornostar werden. Ich sage dann immer: Gut für dich, aber probiere das erst einmal im Privaten aus. Denn wenn du einmal Sexvideos im Internet hast, werden sie nie wieder rauskommen. Die Leute in Ihren Filmen sind meist älter. Ich bin nicht daran interessiert, die Jüngsten zu porträtieren, sondern Menschen mit einem Leben. Ich arbeite nicht mit Leuten unter 21 oder auch unter 23 Jahren.

Wie casten Sie die Darstellerinnen und Darsteller?
Ich bekomme jeden Tag Mails von Leuten aus aller Welt – nicht alle davon sind profes- sionelle Darsteller. Ich habe ein Team, das Leute auswählt, die geben sie mir weiter, und ich treffe sie. Ich arbeite mit nieman- dem, den ich nicht persönlich kenne. Manchmal drehe ich auch mit Paaren.

Wie ist das, wenn die Leute zum ersten Mal einen Porno drehen?
Für Frauen ist es ziemlich einfach.

Weshalb?
Sie neigen dazu, feucht zu werden, wenn sie nervös sind. Männer dagegen haben ein Problem, die Erektion zu halten. Zwar sagt jeder Typ auf der Straße, wenn du ihn

fragst, ob er gerne Pornstar wäre: Großartig! Aber selbst wenn du ein wahnsinnig toller Liebhaber im Privaten bist, heißt das nichts. Das ist nicht das Gleiche wie mit fünfzehn Leuten um dich herum.

Warum besteht Ihr Team fast nur aus Frauen?
Es ist nicht so, dass Männer nicht erlaubt sind, aber ich halte den ersten Platz für Frauen frei. Frauen kommunizieren anders, sie verstehen Ansagen auch, wenn es keine Befehle sind.

Muss man als Porno-Regisseurin in einer gewissen Stimmung sein?
Nein, deine Laune kannst du nicht ändern. Ich habe gedreht, als ich schwanger war, als ich gestillt habe, in allen möglichen Zu-ständen.

Wie ist es an einem schlechten Tag, Menschen beim Sex zuzusehen?
Was könnte es an einem schlechten Tag Besseres geben?

Können Sie den typischen Zuschauer Ihrer Filme beschreiben? Männlich und …?
Zwischen 25 und 40 Jahren alt. Wenn ich die eingesendeten Fantasien lese, kann ich manchmal erahnen, wer die Leute dahin- ter sind. Sie sind wahrscheinlich relativ ge- bildet, denn ihre Sprache ist sehr gut, und sie machen viele Referenzen zu Kultur, Technologie und Reisen.

Zum Beispiel?
Gestern haben wir einen Film veröffentlicht, der heißt „Hysterical Piano Concert“, in dem eine Klavierspielerin nackt auf der Bühne auftritt und mit Leuten aus dem Publikum Sex hat. Ich vermute, diese Fantasie hatte mir ein Pianist geschickt. Mir hat auch einmal jemand geschrieben, der gerne einen Porno im Stil der Serie „Mad Men“ gehabt hätte.

Haben Sie den gedreht?
Natürlich. Ich habe jetzt gerade einen Film für Halloween gedreht, der heißt „Können Vampire meine Periode riechen?“ Superlustig.

 

Aber Sie verfilmen doch auch sehr stereotype Geschichten. Auf Ihrer Plattform finden sich Filme über Sex mit dem Boss oder dem Pizzaboten.

Es geht darum, wie man solche Filme kreiert. Wenn nur eine gewisse Gruppe weißer Männer Filme produziert, gibt es nur ihre Version von Erotik: Das sind Kerle, bei denen sich alles um Autos, Drinks und Frau- en dreht. Im Fall des Pizzaboten zwingt dieser die Frau, mit ihm Sex zu haben, weil sie die Pizza nicht zahlen kann.

Und wie erzählen Sie vom Pizzaboten?
In meinem Film kann sie die Pizza bezah- len, die beiden haben Sex und essen sie am Ende gemeinsam. Das macht den Unterschied.

Kümmert dieser Unterschied die männlichen Zuschauer?
Viele meiner männlichen Freunde erzählen  mir, dass sie die Mainstream-Filme mögen. Sie sehen sie sich an und denken nicht darüber nach. Aber wenn ich sie dann frage, ob diese Mädchen wirklich so aussehen, als hätten sie Spaß, dann beginnen sie nachzudenken und werden nervös.

Wirklich?
Ein Freund erzählte, dass er angefangen hat, den Mädchen ins Gesicht zu sehen. Ab dann funktionierte es für ihn nicht mehr.

Aber er ist wahrscheinlich einer von wenigen, die den Frauen ins Gesicht sehen. Veränderung geht immer von einem kleinen Teil der Gesellschaft aus. Wir haben uns ja auch beim Essen umgestellt. Früher hat niemand über die Risiken von Soda und Chips gesprochen. Mittlerweile essen wir Kohlsalat. So kann das auch mit Pornos sein, wir können uns erziehen.

Schauen Sie denn selbst noch Pornos?

Das klingt komisch, aber ich habe Pornos nie gemocht. Pornos sind superlangweilig.

Sie meinen jetzt Mainstream-Pornos?
Ja. In Mainstream-Pornos wird einfach penetriert. Das will man zwar auch sehen, aber nicht die ganze Zeit. Penetration finde ich langweilig. Mich interessiert, wie sich die Menschen ansehen, wie die Hand den Rücken kratzt, der Fuß zuckt.

Schauen Sie manchmal auf Pornoseiten, was die Konkurrenz so treibt?
Nein. Ich lebe in meiner schönen, erotischen Welt. Mein Partner rüttelt mich manchmal und sagt, ich soll mir mal anschauen, was da los ist: Kaufe Penispumpen, vögle eine Großmutter. Dann wird mir wieder richtig schlecht, wenn ich das sehe.

Zur Person

Erika Lust, bürgerlicher Name Erika Hallqvist, ist am 22. Februar 1977 in Stockholm geboren. Sie hat Politikwissenschaft und Gender Studies studiert. Im Jahr 2004 drehte sie ihren ersten eigenen Porno „The Good Girl“ und gründete das Unternehmen Lust Films. Bei ihrem Projekt „XConfessi- ons“ verfilmt sie die Fantasien ihrer Zuschauer, auf lustcinema.com prä- sentiert sie auch Produktionen anderer feministischer Regisseurinnen. Lust lebt mit ihrem Mann und ihren zwei Töchtern in Barcelona.

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