Frau Hirsch jagt

Schluss mit blöden Tipps und Sprüchen: Im Bayerischen Wald hat eine 54-Jährige Deutschlands erste Jagdschule speziell für Frauen eröffnet. Hier geht es weniger ums Schießen, als vielmehr um Wildpflege.  

Der Text erschien in der Wochenendausgabe der Süddeutschen Zeitung vom 19./20. Februar 2017.

Sie entsicherte das Gewehr, streckte die Hände aus und visierte ihr Ziel. Es war still um sie herum. Sie atmete aus, um nicht zu zittern. Sie wollte abdrücken. Da tippte ihr jemand auf den Arm. Sie klemmte ihren Hörschutz beiseite. Eine Männerstimme sagte: „Ich zeige Ihnen mal, wie das geht.“

Karoline Hirsch wusste, wie das geht. Sie stand am Schießstand, an der 100-Meter-Bahn. Sie hatte da schon Dutzende Male gestanden. Es war Herbst 2013, und Hirsch bereitete sich auf ihre Jägerprüfung vor. Sie kannte ihren Nachbarn am Schießstand nicht. Hirsch sagte nichts, sie dachte sich aber: „Ich will Ruhe von solchen Männern.“

Monate später, nach der Prüfung, mit dem blassgrünen Jagdschein in der Hand, sprach sie das aus, was lange in ihr brodelte: „Ich will meine eigene Jagdschule, eine speziell für Frauen.“ Karoline Hirsch, 54, langes Haar und braune Augen, gründete die „Jagdschule Hirsch“, die erste Frauenjagdschule Bayerns. Ein Ruhepol vor der männlichen Jägerschaft, mit Sauna, Fitnesscenter und Schwimmbad im Angebot. Hirsch will mit ein bisschen Glamour und Wellness das Bild der Jagd entstauben. Ob das gelingt?

Es dämmert in Waldkirchen bei Passau. Der Weg ist eisig, der Nadelwald mit Schnee bedeckt. Jagdhund Quirin läuft voran, Karoline Hirsch und ihr Lebensgefährte Thomas Licht stapfen hinterher. Licht ist neben Hirsch zweiter Ausbilder in der Schule. Er trägt einen weißen Wuschelbart und unter dem Janker einen grünen Kapuzenpullover. Die beiden kennen jeden Strauch, jeden Baum, jedes Tier in ihrem Revier; etwa die Geiß mit den zwei Rehkitzen. Man muss hier leise sein. „Wir wollen keine Tiere aufscheuchen“, sagt Licht. Schließlich sei Winter, und man müsse die Tiere schonen.

„Der Wald ist das Schönste, er ist Entspannung pur“, sagt sie. Wald und Hirsch – das gehört zusammen. Ein Familienname als semantischer Wink des Schicksals. Karoline Hirschs Vater war schon Jäger. Sie war als Kind mit ihm auf Pirsch, saß neben ihm stundenlang auf dem Hochstand. „Da hatte ich ihn für mich alleine“, sagt sie, „ich redete ihm manchmal ein wenig zu viel.“ Selbst Jägerin zu werden, das kam ihr lange nicht in den Sinn. „Geh, du als Frau willst den Jagdschein machen“, blafften ihre beiden Brüder. Sie wuchs in den Siebzigerjahren im Bayerischen Wald auf, da musste man Gleichberechtigung noch im Duden nachschlagen.

Während der Vater das erlegte Tier nach Hause brachte, stand die Mutter in der Küche und verarbeitete das Wild zum Sonntagsbraten. Eine Frau als Jägerin, das passte nicht ins Bild. „Ich habe es mir selbst auch nicht zugetraut“, sagte sie. Erst Jahrzehnte später, als sie ihren Freund Thomas Licht beim Lernen für die Jägerprüfung unterstützte, fragte er sie irgendwann: „Warum machst du die Prüfung nicht eigentlich auch?“ Stimmt, warum eigentlich nicht? Hirsch buchte einen Kurs. Im Keller eines Wirtshauses saßen drei Frauen und zehn Männer.

Die Uhren der Jagdwelt tickten noch immer langsamer, als andernorts. Die Männer im Kurs bevormundeten sie, hinter dem Rücken der Frauen wurde gelästert. Etwa über die eine Teilnehmerin mit knallroten Haaren. „Das war ihnen zu wild.“ Die Männer im Kurs spielten sich als „Hilfslehrer“ auf oder gaben ihr das Gefühl, weniger zu können als die Kollegen. „Mich hat das alles so genervt. Vielleicht betrachten manche Männer die Jagd immer noch als ihre Bastion“, spekuliert Hirsch.

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Karoline Hirsch geht es bei der Jagd um mehr als nur um Ballerei. Fotos: Evi Lemberger

Doch Männer sind schon länger nicht mehr alleine im Gebüsch unterwegs. War Anfang der Neunzigerjahre nur ein Prozent der Jägerschaft weiblich, sind es mittlerweile schon zehn. In den Jagdkursen sitzen schon 20 Prozent weibliche Teilnehmerinnen. Damit verändert sich auch der Markt für Jagdbedarf. Es gibt kleinere Waffen für Frauenhände, schicke Jägerinnenmode und Accessoires, Lodenjacken mit pinken Verzierungen. „Es verändert sich gerade etwas“, sagt Hirsch. Ihre Schule kommt zur rechten Zeit. „Frauen sind nicht besser oder schlechter als Männer, sie sind anders“, sagt Hirsch.

Ist das nicht ein bisschen viel Klischee?

Hirsch war mit ihren Schülerinnen während ihrer Kurse bislang in einem Hof mit Ferienwohnungen eingemietet, eine kleine Wellnessoase auf einem Hügel, neben dem Lehrrevier, mit einem Hirschgatter in der Nachbarschaft. Im Keller ist ein Schwimmbad, es gibt Sauna und Fitnessstudio. Ein paar Meter weiter kann man sich die Nägel in einem Kosmetikstudio lackieren lassen oder im Modehaus einkaufen. Saunieren, Fitness, Kneippwege, Pediküre – Ist das alles nicht ein bisschen gar viel Klischee? „Naaaa, geh!“, sagt Karoline Hirsch. Sich als Frau zu behaupten, das bedeute ja, es so zu machen, wie man es möchte. „Ich werde oft dafür belächelt, aber ich finde so etwas eigentlich entspannender, als mich nach einem anstrengenden Kurs in das Wirtshaus zu setzen, Bier zu trinken und Leberkäse zu essen.“

Ein bisschen revolutionär ist es schon, was sie da tut, wenn nicht sogar ein wenig feministisch – auch wenn sie sich selbst nicht als Feministin bezeichnen würde. Hirsch ist Pragmatikerin: „Ich habe lediglich eine Nische entdeckt.“ Die meisten ihrer Schülerinnen sind unter 30 Jahre alt. Um die acht Teilnehmerinnen nehmen jeweils an den 23-tägigen Blockkursen teil. Manche stammen wie Hirsch aus Jagdfamilien, andere kommen auf den Geschmack, weil sie sich einen Jagdhund anschaffen oder mehr über Naturschutz lernen wollen. Frauen sehen Jagd als Ausgleich zum Alltag, heißt es in einer Studie der Universität Bremen. Während Wildpflege unter Frauen als Hauptmotiv gilt, geht es bei Männern eher um soziale Anerkennung.

Es gibt auch immer wieder Teilnehmerinnen, die vorher einen gemischten Jagdkurs besucht haben und dann durch die Prüfung fielen oder auch einfach „so wie ich damals, die Nase voll hatten“, sagt Hirsch. Aber auch, wenn ihre Schülerinnen am Ende des Tages nicht am Stammtisch im Wirtshaus plaudern, sondern in der Sauna: Jagd bleibt Jagd – eine archaische und tödliche Angelegenheit. Man lernt in Jagdkursen, eine Waffe zu bedienen, sie zu laden und zu zielen, man lernt Tierleiber zu öffnen, Därme zu entnehmen und den Körper in Stücke zu schneiden.

Das erste Tier tötet man aber in keinem Jagdkurs. Das Töten müssen angehende Waidmänner und Waidfrauen selbst lernen. Karoline Hirsch hat lange gewartet, bis sie wirklich ihr erstes Reh schoss. „Viele Männer fragen dann schon: Na, hast du schon was geschossen?“, sagt sie. An ihr erstes Tier kann sie sich noch erinnern. Es passierte hier im Bayerischen Wald. „Da war ich aufgeregt. Um Gottes Willen. Das Herz war ganz oben“, sagt sie und streckt ihren Kopf nach oben und deutet auf die Gurgel. Sie hatte Angst, nicht zu treffen oder das Reh nicht gleich beim ersten Schuss zu töten. Sie wartete lange, und sie traf.

Zurück im Revier in Waldkirchen, zeigt Hirsch auf Rehspuren am Boden. Daneben eine Mulde, ein Tier hat hier wohl kürzlich noch gelegen. „Hoffentlich haben wir es nicht verscheucht“, sagt Licht. Immer wieder kommen die beiden auf das eine Thema zurück: „Jägern wird gerne Lust am Töten unterstellt, aber ich empfinde keinen Spaß dabei“, sagt Hirsch, während ihre Freund Thomas Licht nach dem Hund ruft. „Quirin, Fuß!“

Hirsch hat bislang erst ein paar wenige Rehe geschossen, im vergangenen Jahr waren es lediglich zwei. Sonst nichts, weder Füchse noch Hasen. Die beiden wirken wie zwei Hippies unter den Jägern. Sie kaufen kaum Fleisch im Supermarkt und versuchen das geschossene Wild vollständig zu verwerten. „Die meisten delegieren das Töten“, sagt Thomas. Man müsse Vegetarier werden, wenn man es nicht schaffe, ein Tier zu erlegen. Ihre Schülerinnen möchte Hirsch zu Fleischjägerinnen und nicht zu Trophäenjägerinnen ausbilden.

Derzeit bauen sie einen Teil des Hauses von Thomas Licht um. Dort wird im Frühjahr der nächste Jagdkurs stattfinden. Ein heller, ruhiger Raum, mit Küche. Derzeit sucht sie auch noch eine zusätzliche Ausbilderin. Das sei aber nicht so leicht, viele Frauen würden sich das nicht zutrauen, sagt Hirsch. Männer seien einfacher zu finden. „Aber die sind mir zu sehr an Waffen und am Herumballern interessiert.“

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